Samstag, 17. März 2007

Schöner stricken - nur für Eingeweihte?

Es werden Stimmen laut im Internet. Deutsche StrickerInnen, die sagen "Das Angebot in den Läden reicht uns nicht", "Deutsche Strickzeitschriften sind öde bis scheußlich", "Schöne Anleitungen gibt es nur auf Englisch" und in diesem Ton geht es immer weiter.

Ich mag hier zwar in dieselbe Kerbe hauen, aber diesem O-Ton kann ich mich nur anschließen. Wenn ich in den Kommentaren zu einem dieser Artikel (im vorhergehenden Beitrag gibt es Links zu all den Artikeln, die ich zu diesem Thema gefunden habe) lese, daß sich die Verkäuferin in einem Wollgeschäft bei der Kundin über Neuigkeiten von Regia-Wolle aufklären lässt, dann ist mir das peinlich und ich bin fassungslos. Gut, wenn man mit Kunden über das Produkt, das man verkauft, sich unterhält und diskutiert, dann ist das eine Sache. Aber wenn der Kunde dem Verkäufer sagt, was Sache ist..?
Führen wir dies einmal ad absurdum: Zum Beispiel, ich möchte ein Auto kaufen und gehe zu einem Händler. Frage den Händler, wieviel das eine Modell denn so verbraucht auf 100km, oder welchen Kraftstoff das Auto braucht, oder oder oder. Und der Händler hat keine Ahnung davon, kann meine Fragen nicht oder nur unzureichend beantworten. Ja kaufe ich dann dort ein Auto?? NEIN! Warum sollte es beim Wollkauf denn anders sein?
Nochmal: Ein Autohändler, oder Verkäufer von irgendeinem anderen Produkt, informiert sich schließlich über das Produkt mit dem er seinen Lebensunterhalt verdient. Schaut über den eigenen Tellerrand, informiert sich über das, was gerade wichtig und angesagt ist. Redakteure von Autozeitschriften tun dasselbe, auch in Deutschland. Garnzeitschriften, oder Läden? Wie sieht das bei ihnen aus? Manchmal bekomme ich den Eindruck sie haben einen Horizont bis zur eigenen Nasenspitze und zurück (zumindest was die Läden angeht, trifft dies NICHT auf alle zu). Wenn ich zu einer deutschen Zeitschrift greife, und das tue ich nur, wenn die Titelseite ansprechend aussieht, und dann drinnen den x-ten Pulli im Pseudo-Ethno-Stil in Kackfarben mit Bändchen- und Effektgarn (auf Englisch heißt sowas wie z.B. die Braziliawolle passenderweise "fun fur", Spaßpelz) sehe, dann kriege ich auf gut Deutsch das Kotzen. Wer, bitteschön, denkt sich so etwas aus und zieht ernsthaft in Erwägung daß ein Mensch der noch einigermaßen bei Verstand ist, sein Geld und Zeit in ein derartig scheußliches Projekt zu investieren? Geschweige denn, es nach Fertigstellung auch anzuziehen? Da stricke ich doch noch lieber Spüllappen! (was ich persönlich nicht machen würde... Topflappen ja, aber Spüllappen kaufe ich doch lieber, dafür ist mir meine Zeit zu schade. Hängt damit zusammen, daß ich Spüllappen nach intensivem Gebrauch einfach wegwerfe)

Ich persönlich finde es sehr sehr schade, daß die Strickgemeinde sich langsam aber sicher spaltet und wir nicht mehr gemeinsam an einem Strang ziehen. Die einen sind online und versorgen sich mittlerweile anderweitig über das Netz. Die anderen sind offline (war ich lange Jahre auch, könnte es mir heute aber nicht mehr vorstellen), und ehrlich gesagt, wäre ich heute noch offline, dann hätte ich das Stricken mittlerweile wohl an den Nagel gehängt. Mir geht die Hutschnur hoch wenn ich etwas bestimmtes suche, sei es Garn oder Zubehör wie Nadeln etc., es im Netz finde und mir denke, 'ach, unterstütz ich doch den Einzelhandel hier und spare mir noch dazu die Versandkosten', gehe in einen Laden, trage mein Anliegen vor, und bekomme dann zu hören daß es das Gesuchte nicht gebe. Warum habe ich es dann im Netz gefunden wenn es das angeblich nicht gibt?? Über solch ein unprofessionelles Verhalten könnte ich mich stundenlang aufregen.
Vor einiger Zeit wurde mir ein anderes Beispiel zugetragen, als sich hier in München die Strickeria, unsere Gruppe, gebildet hat. Wer uns nicht kennt: Wir treffen uns einmal in der Woche in einem Lokal in Schwabing (Adresse steht rechts im Sidebar, Interessierte sind immer willkommen!) und stricken dort. Unsere Gründerin (hehe, Du weißt wer Du bist!) hat einen Flyer gemacht, und ich hatte die Idee, sie hier in den Wollgeschäften auszulegen, direkt an der Quelle sozusagen. Nun ja, die Erfahrung war folgende: Der Standard-Wolleladen in der Nähe vom Viktualienmarkt mit nicht so einem riesigen Angebot war begeistert von dem Flyer, er wurde direkt neben der Kasse platziert und ging anscheinend weg wie warme Semmeln. Mindestens eine weitere Auflage des Flyers folgte, und ging weg. Ein zweites Wollegeschäft (Abteilung eines traditionellen Münchner Kaufhauses am Marienplatz) mit etwas besserer Auswahl an Wolle und einem riesigen Angebot an Knöpfen war sich anscheinend zu fein für unseren Flyer. Kein Interesse. Komischerweise sind in diesem Laden die Mitarbeiter ziemlich arrogant... wenn ich dort war wurde ich häufig entweder übersehen oder später als andere bedient - wenn überhaupt - aber immer von oben herab behandelt. Dazu ist zu sagen, ich trage nicht einen Stempel auf der Stirn der sagt "Ich habe viel Geld auszugeben", sondern ich bin in meinen alltäglichen Klamotten (Jeans und Pulli/T-Shirt) dort hingegangen, sah aber eindeutig nicht abgerissen aus. Mittlerweile boykottiere ich diesen Laden; wenn sie mein Geld nicht wollen, bitteschön. Aber dies würde jetzt zu einer anderen Geschichte führen...

Zurück zum eigentlichen Thema. Wir beschweren uns über das vorhandene Angebot und die Zeitschriften, die noch dazu immer weniger werden. Das ist schonmal ein Anfang. Der Punkt ist, wir dürfen nicht verstummen wenn wir uns eine Veränderung wünschen. Wir haben keine Lobby, bisher - also schaffen wir uns eine! Wenn wir es nicht machen, wer sollte es dann tun? Je mehr wir unsere Stimmen erheben, desto lauter werden wir und desto eher finden wir Gehör. Es mag zwar anstrengend werden, aber die Berliner Mauer ist ja auch nicht von alleine umgefallen, oder? Es wäre ein Anfang wenn wir zum einen im Bekanntenkreis versuchen das Oma-Klischee vom Stricken zu entkräften, und zum anderen unsere gesammelten Beiträge an Garnhersteller, Zeitschriftenredaktionen und Garngeschäfte schicken und verteilen. Je mehr wir werden die Ansprüche stellen, desto weniger können wir ignoriert werden. Die Nachfrage bestimmt das Angebot, nicht umgekehrt! Und das Unternehmen, die Firma, die diesen Grundsatz der hier herrschenden Marktwirtschaft nicht begriffen hat, hat auf dem Markt nichts verloren.

3 comments:

Elemmaciltur hat gesagt…

Bravissima!

"Abteilung eines traditionellen Münchner Kaufhauses am Marienplatz"...diesen Wolleladen boykotiere ich auch selber langsam. In letzter Zeit kotzen mich echt die Mitarbeiterinnen dort. Am liebsten wuerde ich ihnen allen sagen: "Go shove your DPNs up your arses, loidies!"

Und daher sollen wir alle die Wollmeise unterstuetzen. :-p

Arlene hat gesagt…

Liebe Dorothee,
Du sprichst mir aus der Seele (auch,wenn ich heute schon bei Tichiro einen ähnlichen Kommentar hinterlassen habe, so möchte ich auch hier noch einmal dieses Statement abgeben):
Ich erwarte von einem Wolle-Fachgeschäft, daß die Mitarbeiter mit dem Warenangebot und vor allen mit Trends vertraut sind. Du bringst es auf den Punkt: ich muss in jedem Beruf immer up to date bleiben und zumindest Neuerungen, Trends etc. kennen. Ob ich sie dann in meinem Laden umsetzen und verkaufen kann, ist eine andere Sache. Aber ich muss doch zumindest auf meinem Fachgebiet (und ich rede jetzt nicht von großen Kaufhausketten, die eine fünf Knäul Wolle in ihrer Abteilung liegen haben) wissen, was sich alles Neues tut! Es ist traurig, wenn ich in einem Fachmarkt mehr Ahnung habe als das Personal. Ich erwarte ja nicht, daß jemand jedes Schnippselchen Wissen zum Thema Wolle abrufen kann, aber ein bestimmtes Wissenspektrum erwarte ich schon, dafür bin ich gerne bereit auf den Intern-Schnäppchenpreis zu verzichten (obwohl das auch wieder ein Thema ist, das Seiten füllen dürfte - von wegen erst sich im Laden kompetent beraten lassen und dann im Net kaufen...). Deswegen ärgert es mich auch, wenn ich in einem Wollegeschäft der Inhaberin irgendwas zB über einen RVO erklären muss (den man m.E. als Profi zumindest kennen sollte). So sehr ich das Net liebe, aber es hat auch etwas schönes, in einem ansprechenden Wollegeschäft herumzustöbern. Jedoch sollte in einem guten Wollegeschäft auch kompetentes Wissen und ein wenig innovatives Denken zu finden sein. Wie schon gesagt: man begehrt, was man sieht. Natürlich bestimmt das Angebot die Nachfrage - da gebe ich Dir recht. Andererseits kann man mich auch gut mal mit etwas Neuem "anfüttern", wenn ich es noch nicht kenne und ansprechend irgendwo vorgeführt oder zu sehen bekomme. Dann wird aus dem Angebot für mich plötzlich die Nachfrage ;o) (ich hoffe, Du verstehst, was ich meine). Wenn ich in einem Blog ein Modell sehe, von dem ich nicht wusste, daß es das überhaupt gibt und es mir rasend gut gefällt, dann will es plötzlich auch haben. Und ich denke, ich bin nicht alleine mit meinem Verhalten (auch, wenn es nicht gerade rühmlich, aber dafür menschlich ist ;) LG Arlene

Jinx hat gesagt…

Hallo,

das Angebot in den Hamburger Kaufhäusern (auch den gehobenen) sieht nicht anders aus als bei Euch. Wir haben einen Laden, den ich ganz gut finde und einen winzigen, der handgefärbte Garne verkauft. Das wäre es dann auch.
Die Teilung der Strickszene ist nicht aufzuhalten. Samstag erst sprach ich mit einer Dame, die sich für einen sehr begehrten Workshop per Post anmeldete und erfahren musste, dass er durch Online-Anmeldungen total ausgebucht war. Sie hat sich darüber aufgeregt und wollte nicht einsehen, dass das nachvollziehbare Prinzip des "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" (auch "wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" genannt *g*) galt.
Sie hat Angst vor dem Internet, obwohl sie über einen Computer verfügt und wird immer unleidlich, wenn man sich in ihrer Gegenwart über die Online-Strickszene unterhält. Das ist nicht zu ändern. Ich denke, jede Gruppe sollte sich auf sich selbst besinnen. Wir können in unseren Blogs, in Foren etc. auf gute Quellen im Internet hinweisen, Shops und Seiten empfehlen und so dafür sorgen, dass diese gut florieren.
Mir ist klar geworden, dass wir gerade mit den Artikeln zum Thema LYS und Zeitschriften/Bücher eigentlich für eine Gruppe kämpfen, der wir nicht angehören, nämlich der Strickerinnen, die keinen Internetzugang haben bzw. sich dem Medium verweigern. Es wäre zu diskutieren, wie sinnvoll das ist. Es wäre vor allem wichtig, dass die, die von ihren bisherigen Quellen abgeschnitten wurden, sich äußern, was sie jedoch nicht tun (wobei ich mir vorstellen kann, dass viele Abonnentinnen sich beschwert haben beim Verlag).
Ich verstehe diese Technikfeindlichkeit auch nicht. Ich bekam meinen ersten Computer mit Ende zwanzig, bin jetzt 40 und verwalte meine eigenen Domains, einige Homepages und meinen Blog. Ich habe mir die Kenntnisse angeeignet. Ich kenne auch Leute, die wesentlich älter sind als ich und sich ausgesprochen kenntnisreich im Internet bewegen. Aber erzwingen kann man es nicht.

Viele Grüße
Jinx